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Die „grünen Sparbücher“ Vietnams

Jahrzehntelang schrumpften in Vietnam die Waldflächen – mit drastischen Folgen für Umwelt, Mikroklima und Boden. Nun aber trägt ein einmaliges Programm mit Anreizen für die Bauern dazu bei, die Wälder nicht nur zu rehabilitieren und aufzuforsten, sondern auch nachhaltig zu bewirtschaften. Carsten Kilian, Projektmanager von der KfW Entwicklungsbank erklärt, wie Umweltschutz und eine bessere Zukunft für die Menschen dabei Hand in Hand gehen.

Seit den 70er Jahren leidet Vietnam unter dem großflächigen Rückgang seiner Waldflächen. Welche Ausmaße hatte das? Was waren die Konsequenzen für die Natur und Boden?
Carsten Kilian: Gerade in den 70er und 80er Jahren ging die Waldfläche in Vietnam stark zurück. Die massive Abholzung seit Anfang der 70er führte vielerorts zu extremer Erosion, der Boden wurde ausgewaschen, wertvolles Land degradierte und es kam u. a. zu Überschwemmungen. In ländlichen Gebieten wurde über Probleme mit der Wasserversorgung z. B. für Bewässerungsfeldbau (Reis) berichtet. Das hatte schwerwiegende Auswirkungen auf die Umwelt und die Ernährungssituation der Bevölkerung. Etwa zwei Drittel, also 55-60 Millionen der rund 93 Millionen Einwohner Vietnams, sind direkt von der Landwirtschaft abhängig.

Hatte das Schrumpfen der Wälder auch Einfluss auf das Klima in bestimmten Regionen?
Carsten Kilian: Einfluss auf das Mikroklima hatte das sicherlich, auch wenn Studien dazu fehlen. Klar ist: Wo Schatten und Bodenbewuchs fehlt, wird es heißer und trockener. Vor 20 Jahren standen die Bauern vor kahlen Hügeln und wussten teilweise auch gar nicht mehr, welche positiven Effekte und Schutzfunktionen ein Wald in Bezug auf Klima, Ernährungssicherung und Schutz vor Überschwemmungen hat. Heute ist das durch die seit den 90er Jahren ergriffenen Wiederaufforstungsund Waldschutzmaßnahmen ganz anders.

Die KfW Entwicklungsbank unterstützt im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) die Regierung Vietnams bereits seit rund 20 Jahren bei der Wiederaufforstung und der nachhaltigen Bewirtschaftung der Wälder. Was konnte seitdem erreicht werden?
Carsten Kilian: Vietnam hat zahlreiche nationale Programme und Projekte mit Unterstützung der Internationalen Gemeinschaft durchgeführt, mit großen Erfolgen: Seit Anfang der 90er Jahre wuchs der Anteil der Waldflächen von 25 Prozent auf mittlerweile wieder knapp 41,5 Prozent an. Das Ziel der vietnamesischen Regierung ist es, bis 2020 wieder 47 Prozent des Landes mit Waldflächen bedeckt zu haben. Das dient der Ernährungssicherung und trägt natürlich auch zum globalen Klimaschutz bei.

Um die Menschen in den Projektregionen an der Rehabilitierung zu beteiligen, wurde das Projekt der KfW im Rahmen der Finanziellen Zusammenarbeit (FZ) realisiert. Wie funktionieren die „grünen Sparbücher“?
Carsten Kilian: Den Bauern wird ein Nutzungsrecht an teils oder ehemals bewaldetem Land von 50 bis 70 Jahren durch die vietnamesischen Behörden erteilt. Diese Landnutzungstitel haben einen hohen Grad an Rechtssicherheit für die Bauern. Wenn solch ein Landnutzungstitel vorliegt, stellt das Projekt die Sparbücher aus.

Das grüne Sparbuch ist ein Mittel zum Zweck, das andere Maßnahmen ergänzt: Denn seit den 90ern gab es eine Reihe von Projekten zum Schutz der Wälder: Anfangs ging es vor allem darum, den Bodenbedeckungsgrad wieder zu erhöhen, dann wurde das ausgeweitet auf nachhaltige und schließlich kommunale Waldbewirtschaftung, und auch den Erhalt von Biodiversität in Schutzgebieten. All diesen Projekten lag aber zugrunde, dass man den Wald einige Jahre in Ruhe lassen muss, damit er sich wieder erholt und man Nutzen aus ihm ziehen kann. Den Ausfall der Einnahmen für die Bauern durch die zeitweise Nichtnutzung sollen diese Sparbücher auffangen. Sie werden auf den Namen eines einzelnen Bauern ausgestellt und bestückt mit einer Geldmenge, die sich an der Hektaranzahl und der Arbeitsleistung des jeweiligen Bauern orientiert.

Je nachdem, ob es sich um reine Aufforstungsmaßnahmen handelt, wie der Wald behandelt werden muss, und wo er sich befindet, gibt es unterschiedliche Kostenerstattungen. Ein Vertrag mit der Bank regelt nach einem bestimmten Quotensystem, wie viel Geld der Bauer einmal pro Jahr von dem Sparbuch abheben darf. Vor dem Abheben wird der Waldzustand durch die lokalen Forstbehörden geprüft. Wenn es grünes Licht gibt, kann der Landwirt seine Jahrestranche abheben. Sie stellt für die dortigen Bauern, die ja in einem sehr armen Land leben, einen wesentlichen Teil des Jahreseinkommens dar. Und nach einigen Jahren können Erträge aus einem rehabilitierten Wald z.B. zur Ausbildung der Kinder beisteuern.

Wie viele Menschen in wie vielen Dörfern haben die KfW-Projekte schon erreicht?
Carsten Kilian: 110.000 Familien konnten in den vergangenen gut 20 Jahren erreicht werden.

Wenn sie die Menschen fragen, was ihnen das Projekt ganz konkret gebracht hat, nennen sie in erster Linie den positiven Einfluss auf den Wasserhaushalt des Bodens. Denn das Wasserspeichervermögen des Bodens wurde durch die Wiederaufforstung wesentlich erhöht. Durch die Stabilisierung der Waldböden und ihres Wasserhaushalts konnte die Reisernte bedeutend gesteigert werden, heute sind in manchen Gebieten wieder bis zu drei Ernten pro Jahr möglich.

Außerdem sehen viele Bauern den Wald als wertvolles Sparbuch und Absicherung für ihre Kinder und Enkel, weil sie damit eine Wertanlage haben und das gezielt geschlagene Holz auch Verkaufen können.

Wurde die Idee der „grünen Sparbücher“ bereits in anderen Ländern aufgegriffen?
Carsten Kilian: Wir versuchen, den Gedanken auch in andere Länder zu exportieren und sind zum Beispiel mit Indonesien und Indien im Gespräch. Aber aus lokalen Besonderheiten heraus, wie etwa rechtlichen Hürden oder weil ein funktionierendes Bankensystem in den ländlichen Gebieten fehlt, konnte das Konzept bislang noch nicht in anderen Staaten implementiert werden.

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